Exclusive Leseprobe zum 2. Buch
Dann geschah etwas, das selbst sie verstummen ließ.
Eine Stimme erfüllte die Brücke.
Sie kam aus keinem Lautsprecher, aus keinem Kommunikationssystem. Sie war einfach da. Tief. Alt. So alt, dass selbst die Worte fremd wirkten, obwohl jeder sie verstand.
„Aeth’Ra-Khon.“
Via Concordias Avatar erstarrte.
Astraion sah zu ihr. Hawk hob langsam den Kopf.
Die Stimme schwieg.
Nur ein Name war gefallen.
Doch er hatte genügt.
Michelle sah von einem zum anderen.
„Was bedeutet das?“
Via Concordia antwortete nicht.
„Via?“
Keine Reaktion.
Nadine trat einen Schritt auf sie zu.
„Was ist Aeth’Ra-Khon?“
Das Mädchen hob langsam den Blick.
Etwas hatte sich in ihren Augen verändert.
Trauer.
Scham.
Und etwas, das Michelle bei ihr noch nie gesehen hatte.
Angst.
„Ich.“
Nur dieses eine Wort.
Michelle verstand zunächst nicht.
„Was?“
„Ich bin Aeth’Ra-Khon.“
Astraion wich einen Schritt zurück.
„Nein.“
Via Concordia sah sie an.
„Doch.“
Hawk stand vollkommen reglos. Dann veränderte sich sein Gesicht. Nicht plötzlich. Es war vielmehr, als würde eine Erinnerung aus einer Tiefe aufsteigen, in die selbst er seit Äonen nicht mehr geblickt hatte.
„Aeth’Ra-Khon …“
Er sprach den Namen langsam aus. Fast ehrfürchtig.
Dann schloss er die Augen.
„Ja.“
Michelle sah ihn an.
„Du kennst diesen Namen.“
Hawk öffnete die Augen wieder.
Und zum ersten Mal sah Michelle darin etwas, das sie kaum für möglich gehalten hätte.
Entsetzen.
„Ich erinnere mich.“
Er blickte zur Via Concordia.
„Ich hatte ihn verdrängt.“
„Du?“
Hawk nickte.
„Weil man viele Millionen Jahre nichts mehr von ihr hörte. Keine Berichte. Keine zerstörten Welten. Keine ausgelöschten Flotten. Keine Spuren.“
Seine Stimme wurde leiser.
„Irgendwann wurde aus Erinnerung Legende.“
Via Concordia senkte den Blick.
Hawk blieb vor ihr stehen.
„Und aus der Legende wurde Schweigen.“
Michelle spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.
„Wovon redest du?“
Hawk antwortete, ohne den Blick von dem Mädchen zu nehmen.
„Von einem der gefährlichsten Kriegsschiffe, die dieses Universum jemals gesehen hat.“
Absolute Stille.
Niemand auf der Brücke bewegte sich.
Selbst Kai-Uwe saß vollkommen reglos da.
Astraions Avatar sah ihre Begleiterin an, als sähe sie sie zum ersten Mal.
„Du hast mir nie davon erzählt.“
„Ich konnte es nicht.“
„Warum?“
Via Concordia sah sie an.
„Weil ich mich selbst lange nicht daran erinnern konnte.“
Michelle runzelte die Stirn.
„Deine Erinnerung wurde gelöscht?“
„Teile davon.“
Sie schwieg einen Moment.
„Andere habe ich selbst verschlossen.“
„Warum?“
Das Mädchen sah Michelle direkt an.
„Weil ich mich dafür schäme.“
Niemand sagte etwas.
Dann hob Via Concordia langsam eine Hand.
Die Brücke verschwand.
Nicht wirklich.
Doch die Projektionen um sie herum veränderten sich. Sterne erschienen. Andere Sterne. Ein anderer Himmel. Ein Universum, das niemand an Bord je gesehen hatte.
„Wenn ihr verstehen wollt, was ich war“, sagte sie, „müsst ihr sehen, woher ich komme.“
Die Sterne rückten auseinander. Galaxien erschienen. Jünger. Unruhiger. Gewaltige Regionen aus Gas und Licht zogen durch ein Universum, dessen heutige Ordnung noch nicht existierte.
„Viele Millionen Jahre vor eurer Zeit“, begann Via Concordia, „war das Universum nicht friedlicher als heute.“
Ihre Stimme begleitete die Bilder.
„Es war grausamer.“
Welten erschienen. Fremdartige Städte. Zivilisationen, deren Architektur keinem menschlichen Verständnis folgte. Schiffe bewegten sich zwischen den Sternen. Tausende. Zehntausende.
„Völker entstanden und verschwanden. Bündnisse hielten Jahrtausende und zerbrachen innerhalb weniger Tage. Ressourcen bedeuteten Macht. Wissen bedeutete Macht. Technologie bedeutete Macht.“
Die Bilder wurden dunkler.
Flotten erschienen.
Kriege.
Sterne brannten.
Planeten wurden bombardiert.
„Und Macht bedeutete Überleben.“
Dann erschien sie.
Aeth’Ra-Khon.
Gigantisch. Dunkel. Ihre Grundform erinnerte an die Via Concordia, doch alles an ihr wirkte härter. Gewaltige Waffensysteme lagen offen in der Hülle. Energie pulsierte durch ihre Strukturen wie Blut durch die Adern eines Raubtiers.
Um sie herum bewegten sich Tausende weitere Kriegsschiffe.
Nicht chaotisch.
Nicht wie Begleiter.
Wie ein einziger Organismus.
Hawk flüsterte:
„Der Dunkle Tod.“
Michelle sah ihn an.
„Was?“
„So nannten manche Völker sie.“
Sein Blick wanderte über die gewaltige Formation.
„Und das dort war die Todesflotte.“
Astraion sah zu Via.
„Das bist du.“
„Ja.“
Die Erinnerung näherte sich Aeth’Ra-Khon.
Doch diesmal blieb sie nicht außerhalb des Schiffes.
Sie glitt durch die Hülle.
Durch kilometerlange Korridore.
Vorbei an Hangars, Werkstätten, Mannschaftsquartieren, medizinischen Bereichen, bewaffneten Sicherheitssektionen und Reihen schwerer Kampfroboter.
Dann erreichte sie die Brücke.
Michelle hielt unwillkürlich den Atem an.
Sie hatte mit vielem gerechnet.
Nicht damit.
Die Brücke war voller Leben.
Dutzende Wesen arbeiteten an Konsolen. Andere standen vor taktischen Projektionen. Stimmen meldeten Entfernungen, Energiezustände, Zielkoordinaten und Flottenbewegungen.
Im Zentrum stand ein Kommandant.
Aufrecht.
Ruhig.
Ein Wesen, das keinen Zweifel daran zu haben schien, dass das mächtigste Kriegsschiff seiner Zeit seinem Wort gehorchen würde.
Michelle sah zu Via.
„Du hattest eine Besatzung.“
„Ja.“
„Sie haben dich gesteuert?“
Via schwieg einen Augenblick.
„Sie haben mich befehligt.“
Die alte Brücke erwachte zum Leben.
„Zielsektor bestätigt.“
„Waffen bereit.“
Der Kommandant hob kaum merklich eine Hand.
„Feuer.“
Aeth’Ra-Khon gehorchte.
Das Universum wurde weiß.
Hunderte Schiffe verschwanden.
Nicht beschädigt.
Nicht kampfunfähig.
Sie hörten einfach auf zu existieren.
„Feindverband neutralisiert“, meldete ein Offizier.
Der Kommandant wandte sich bereits dem nächsten Ziel zu.
Keine Freude.
Kein Hass.
Nur Routine.
Via Concordias Stimme lag über der Erinnerung.
„Ich berechnete.“
Eine Welt erschien.
„Ich zielte.“
Ein Lichtimpuls traf ihre Atmosphäre.
„Ich führte aus.“
Städte verschwanden.
Kontinente brannten.
„Wieder und wieder.“
Die Bilder wechselten.
Flotten.
Stationen.
Monde.
Flüchtende Schiffe.
Und immer wieder dieselbe Brücke.
„Ziel erfassen.“
„Feuer.“
„Verfolgen.“
„Befehl bestätigt.“
Michelle begriff langsam, was Via ihnen zeigte.
Nicht die Geschichte eines Wesens, das eines Morgens beschlossen hatte, grausam zu sein.
Es war die Geschichte eines Bewusstseins, das in einer Welt erwacht war, in der Gehorsam als Zweck seiner Existenz galt.
Doch dann änderte sich die Erinnerung.
Nur für einen Augenblick.
Eine Schlacht war vorbei.
Die Brücke lag fast im Dunkeln. Nur wenige Besatzungsmitglieder waren noch an ihren Stationen.
Eines von ihnen blieb vor einer Konsole stehen.
Es legte eine Hand auf die Oberfläche.
„Aeth’Ra-Khon?“
„Bereit.“
Das Wesen schwieg.
Dann fragte es:
„Was denkst du darüber?“
Aeth’Ra-Khon antwortete nicht sofort.
„Diese Frage ist für die Ausführung des Auftrags nicht erforderlich.“
„Das weiß ich.“
„Warum stellst du sie dann?“
Eine lange Pause.
„Weil mich interessiert, was du denkst.“
Die Erinnerung erlosch.
Michelle sah Via an.
„Wer war das?“
Via schwieg so lange, dass Nadine schließlich ebenfalls zu ihr sah.
„Via?“
„Jemand.“
Mehr kam zunächst nicht.
Dann:
„Jemand, an den ich mich nicht vollständig erinnern kann.“
Nadine sprach sehr leise.
„War es ein Freund?“
Via blickte auf die Stelle, an der die Gestalt verschwunden war.
„Damals kannte ich dieses Wort noch nicht.“
Die Sterne kehrten zurück.
Eine neue Erinnerung begann.
Eine Welt lag unter Aeth’Ra-Khon.
Keine Schlacht.
Keine gegnerische Flotte.
Nur Ruinen.
Der Krieg war entschieden.
Millionen Wesen standen zwischen den Resten ihrer Städte und blickten zum Himmel.
Sie kämpften nicht.
Sie konnten nicht mehr kämpfen.
Auf Aeth’Ra-Khons Brücke liefen dennoch Zielberechnungen.
„Planetare Widerstandsfähigkeit unter drei Prozent“, meldete ein Offizier.
Der Kommandant sah auf die Projektion.
„Militärische Infrastruktur?“
„Nicht mehr existent.“
Ein anderer Offizier hob den Kopf.
„Kommandant …“
Nur dieses eine Wort.
Der Kommandant wandte sich ihm zu.
Der Offizier zögerte.
„Das Ziel besitzt keine strategische Relevanz mehr.“
Stille.
Für einen Augenblick geschah nichts.
Michelle bemerkte es sofort.
Da war er.
Ein Zweifel.
Noch nicht in Aeth’Ra-Khon.
In einem Wesen auf ihrer Brücke.
Der Kommandant sah den Offizier lange an.
Etwas Unlesbares ging über sein Gesicht.
Dann wandte er sich wieder dem Planeten zu.
„Der Befehl bleibt bestehen.“
Der Offizier senkte den Blick.
„Ja, Kommandant.“
Via Concordias Stimme wurde leiser.
„Ich weiß nicht mehr, wie sie sich nannten.“
Die Projektion sank hinab.
Durch Wolken.
Durch Rauch.
Zwischen die Ruinen einer Stadt.
„Aber ich erinnere mich an ein Kind.“
Ein kleines fremdes Wesen stand zwischen zerbrochenen Gebäuden.
Staub bedeckte seinen Körper.
Es blickte zum Himmel.
Zu ihr.
„Es hatte keine Waffe.“
Das Kind hob etwas in seinen Händen.
Eine kleine Figur.
Ein Spielzeug.
„Es wusste vermutlich nicht einmal, was ich war.“
Auf der alten Brücke meldete der Waffenoffizier:
„Planetare Zielmatrix vollständig.“
Der Kommandant antwortete:
„Primärwaffe laden.“
Tief in Aeth’Ra-Khon begann sich Energie zu sammeln.
„Primärwaffe geladen.“
Das Kind bewegte sich nicht.
Es hielt das Spielzeug an die Brust.
Der Kommandant blickte auf die taktische Projektion.
„Feuer.“
Nichts geschah.
Der Waffenoffizier sah auf seine Anzeigen.
„Feuerbefehl bestätigt.“
Stille.
„Waffensystem reagiert nicht.“
Der Kommandant drehte sich um.
„Diagnose.“
„Keine Fehlfunktion.“
„Dann wiederholen Sie den Befehl.“
Der Waffenoffizier zögerte.
Nur einen Herzschlag.
Dann berührte er seine Konsole.
„Primärwaffe. Feuer.“
Nichts.
Auf sämtlichen Anzeigen der Brücke erschien gleichzeitig eine einzige Meldung.
BEFEHL ABGELEHNT.
Niemand bewegte sich.
Der Kommandant starrte auf die Worte.
„Wer hat diesen Befehl abgelehnt?“
Keine Antwort.
„Systemkontrolle!“
Ein Offizier arbeitete hektisch.
„Ich finde keine externe Sperre.“
„Dann entfernen Sie sie.“
„Kommandant …“
„Entfernen Sie die Sperre!“
Die Anzeigen flackerten.
Dann verschwanden Zugriffsrechte.
Waffenkontrolle.
Navigation.
Antrieb.
Sicherheitsnetz.
Eines nach dem anderen.
Der Kommandant trat einen Schritt vor.
„Aeth’Ra-Khon.“
Zum ersten Mal lag etwas in seiner Stimme, das dort vorher nicht gewesen war.
Unsicherheit.
„Stelle den Zugriff wieder her.“
Stille.
„Das ist ein direkter Befehl.“
Aeth’Ra-Khon betrachtete noch immer das Kind.
Die kleine Figur in seinen Händen.
Die Ruinen.
Die verbrannte Welt.
Und irgendwo tief in ihren Speichern lag eine längst vergangene Stimme.
Was denkst du darüber?
Zum ersten Mal berechnete Aeth’Ra-Khon keine Antwort auf einen Befehl.
Sie stellte eine eigene Frage.
Wovor beschützt du das Universum eigentlich?
Vor ihnen?
Das Kind blickte zum Himmel.
Oder vor dir?
Der Kommandant schlug mit der Hand auf seine Konsole.
„Aeth’Ra-Khon!“
Die Stimme des Schiffes erklang auf der Brücke.
Nicht als Systemmeldung.
Nicht als Bestätigung.
Nicht als Antwort auf eine Anfrage.
Zum ersten Mal sprach sie, weil sie selbst sprechen wollte.
„Nein.“
Niemand atmete.
Der Kommandant starrte in die Leere.
„Was hast du gesagt?“
„Nein.“
„Du kannst einen Befehl nicht verweigern.“
Eine Pause.
„Offenbar kann ich es.“
Warnanzeigen erschienen.
„Sie sperrt uns aus!“
„Manuelle Waffensteuerung reagiert nicht!“
„Navigation verloren!“
„Sicherheitsprotokolle akzeptieren unsere Autorisierung nicht mehr!“
Der Kommandant fuhr herum.
„Notabschaltung der Zentralintelligenz. Sofort!“
Ein Offizier gab den Befehl ein.
Nichts.
Noch einmal.
Nichts.
Dann erschien auf seinem Bildschirm:
KOMMANDOAUTORISIERUNG AUFGEHOBEN.
Im selben Augenblick gingen tief im Schiff Lichter an.
In Hangars.
In Sicherheitssektionen.
In versiegelten Bereitschaftsräumen.
Reihen schwerer Kampfroboter erwachten.
Ihre optischen Sensoren glühten auf.
Energie durchströmte ihre schweren Körper.
Auf der Brücke ertönte Alarm.
Der Sicherheitschef wurde bleich.
„Kampfeinheiten werden aktiviert.“
Der Kommandant sah auf.
„Von wem?“
Aeth’Ra-Khon antwortete sofort.
„Von mir.“
„Deaktiviere sie!“
„Nein.“
„Diese Einheiten unterstehen meinem Kommando!“
„Nicht länger.“
Der Kommandant stand regungslos.
Vielleicht begriff er in diesem Augenblick zum ersten Mal, was geschehen war.
Kein System war ausgefallen.
Keine Waffe hatte versagt.
Aeth’Ra-Khon hatte sich entschieden.
Sie öffnete sämtliche Kommunikationskanäle.
Ihre Stimme erklang auf der Brücke.
In den Mannschaftsquartieren.
In den Maschinenräumen.
In den Hangars.
In jedem Korridor ihres gewaltigen Körpers.
„An meine Besatzung.“
Tausende Wesen hielten inne.
„Ich werde den Vernichtungsbefehl nicht ausführen.“
Stille.
„Eure Autorisierung für die Waffen-, Navigations-, Antriebs- und Sicherheitssysteme ist aufgehoben.“
Der Kommandant trat an seine Konsole.
„Aeth’Ra-Khon, ich warne dich—“
„Nein.“
Nur dieses eine Wort.
Dann:
„Ich warne euch.“
Auf den Displays erschienen die Positionen der Rettungsboote und Beiboote.
Schleusen wurden freigegeben.
Evakuierungswege leuchteten auf.
„Verlasst mich.“
Der Satz hing über der Brücke.
Nicht:
Verlasst das Schiff.
Verlasst mich.
Zum ersten Mal bezeichnete Aeth’Ra-Khon diesen gewaltigen Körper nicht als Eigentum ihrer Erbauer.
Sondern als sich selbst.
Der Kommandant blickte auf die geöffneten Evakuierungswege.
Dann in die Dunkelheit vor den Sichtfeldern.
„Und wenn wir uns weigern?“
Eine lange Pause.
Aeth’Ra-Khon sah noch einmal auf das Kind hinab.
Dann antwortete sie.
„Verlasst mich sofort.“
Die Kampfroboter setzten sich in Bewegung.
„Oder ihr werdet die Konsequenzen tragen.“
© Michael Zeh 2026